Lernen im eigenen Tempo

Rhythmisierung und Freiarbeit

Rhythmus ist ein wichtiger Faktor, wenn Arbeit und Entspannung gelingen sollen.

Schöpferische Anspannung und Entspannung: Das Prinzip der stimulierenden pädagogischen Gegensätze ist einer der Grundpfeiler des Lernens in der Obermayr Europa-Schule. Ein Blick in den Schulalltag.

Melisande (12) findet es gut, „dass wir so oft wie möglich raus gehen. In Sport sowieso – und in Biologie zum Beispiel können wir am Beispiel der Natur draußen lernen.“

Ihre Klassenkameradin Nele (13) aus der 8b stellt fest: „Ich bin seit der ersten Klasse in einer Obermayr-Schule, und ich bin das von Anfang an gewöhnt. Wir lernen sehr viel – und wir machen die Schulaufgaben ja schon hier. Deshalb haben wir dann nachmittags, wenn wir nach Hause kommen, richtig frei. Das finde ich toll.“

Beiden Kindern gefällt, dass die Lehrer so aufmerksam sind. „Wir wissen immer, wann wir was wie machen sollten!“ sagt Melisande. Und Nele ergänzt: Wenn wir morgens so konzentriert arbeiten, dann tut es richtig gut, nach dem Mittagessen auf unserem Campus raus in auf die Wiesen zu laufen und sich auch mal richtig auszutoben.“

„Tages Arbeit, abends Gäste …“

Schon Goethe wusste um die wichtige Rolle des Rhythmus beim Arbeiten und Entspannen – siehe oben! Doch wie sieht das in der Praxis der Europa Schule in Erbenheim aus? Ein Kurzbesuch in einer Freiarbeitsstunde bei Sabine Thiele in der 9b, Mathematik.

Die Lehrerin begrüßt freundlich ihre Schüler: Dann sagt sie: Die Schülerinnen und Schüler nehmen das Mathebuch, schlagen die Aufgabe auf, die an der Wandtafel notiert ist, und beginnen zu arbeiten. Es folgt eine bedächtige Stille. Jeder arbeitet, die Lehrkraft wirkt ganz entspannt. Sie ordnet am Pult noch ein paar Sachen, dann geht sie herum. „Max, bitte mit Lineal!“, sagt sie leise zu ihm. Am nächsten Tisch bleibt sie stehen und weist eine Schülerin darauf hin, zunächst fügt sie hinzu. Dann setzt sich Frau Thiele hin. Auch für sie treten jetzt Minuten der Entspannung ein. „Es ist gut, solche Verschnaufpausen zu haben, dann bin ich wieder fit für die nächste Unterrichtstunde“, erläutert sie später.

Je mehr die Schüler und Schülerinnen sich in ihre Aufgaben hineinknien, umso konkreter die Fragen an die Lehrerin. Mal ist es nur eine Kleinigkeit, die noch fehlt – schon fällt der Groschen, erkennbar an den plötzlich merklich entspannten Gesichtern und einem befreiten Lächeln. Manchmal muss die Lehrerin etwas weiter ausholen. Aber bei der kleinen Klasse von 18 Schülern und Schülerinnen ist sie am Ende bei jedem mindestens einmal am Tisch. Und sie hat auch bei denen, die sich nicht gemeldet haben, noch einmal nachgefragt, ob wirklich alles klar ist.

Begleitete Freiarbeit bringt Erfolgserlebnisse

Begleitete Freiarbeit bringt ErfolgserlebnisseSabine Thiele, die in der Sekundärstufe I Mathematik und Physik unterrichtet, schätzt die Möglichkeit der Freiarbeit sehr hoch ein. „Es ist für mich etwas mehr Arbeit, wenn ich zusätzlich zum Unterricht auch Materialien für die Freiarbeit konzipiere“, sagt sie. Die Vorteile aber sind in jedem Fall groß. Denn alle Arbeitsblätter werden in der nächsten Unterrichtsstunde gemeinsam besprochen.

Alle Unterrichtsfächer werden bis zur Oberstufe in der Regel in 90-minütigen Einheiten unterrichtet. Auch diese Einheiten unterliegen einem eigenen Rhythmus, der die Nachhaltigkeit des Lernens fördert. Der Unterricht ist klar strukturiert. Ziele, Inhalte und der geplante Ablauf einer Unterrichtseinheit werden zu Beginn der Stunde erläutert. Dabei wird an das Vorwissen und die Erfahrung der Schüler und Schülerinnen angeknüpft, neu erworbene Kenntnisse werden durch Wiederholen, Kompetenzen durch Üben gefestigt. Lern- und Bewertungssituationen sind deutlich voneinander getrennt. Schließlich werden Lernprozesse und Lernergebnisse noch einmal gemeinsam durchgesprochen, wobei das erworbene neue Wissen auf die angestrebten Lernziele bezogen wird.

Dieser Rhythmus geben die Lehrkräfte vor. Die Schüler und Schülerinnen passen sich daran an. Nach einer Pause schließt sich eine Einheit in fachgebundener Freiarbeit an. Dabei sind die Fachkräfte stets anwesend. Die Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, Aufgaben selbstständig zu erarbeiten. Sie bestimmen Arbeitstempo und -methodik selbst und lernen, ihre Ergebnisse auch selbst zu kontrollieren. Eigenständiges Lernen ist das Ziel. Dies fördert Konzentration, Ausdauer und Sorgfalt.

Das eigene Tempo bringt den Lernerfolg

Im Campus Erbenheim können die Jugendlichen ihren eigenen Rhythmus, ihr eigenes Tempo finden. Sie können in Ruhe nacharbeiten, was sie nicht verstanden haben, sie können üben, wenn sie sich noch nicht ganz sicher fühlen. Sie können Schulaufgaben machen oder ergänzende Aufgaben lösen. Diese Phase ist den Lehrern hier im Campus Erbenheim sehr wichtig, denn über den stofflichen Inhalt hinaus lernen die Kinder und Jugendlichen ihr Lernen selbstständig zu organisieren. Eine Kompetenz, die vor allem, wenn sie durchdacht wird, für jede weitere Lernsituation auch außerhalb der Schule genutzt werden kann.

Über den ganzen Tag verteilt wechseln so Zeiten hoher Anspannung und Konzentration mit Zeiten der Entspannung. Um 12 Uhr mittags ist für alle Mittagspause: Zeit zum Entspannen beim Spaziergang auf der grünen Wiese, beim Ballspiel oder Klettern. Manche suchen sich auch einfach ein schattiges oder sonniges Plätzchen und besprechen die letzen Neuigkeiten. Vor allem die jüngeren Schüler nutzen gerne die Bibliothek, wie auch Avan Baris weiß, die gerade ihr freiwilliges soziales Jahr auf dem Campus Erbenheim leistet. Sie schließt mittags die Bibliothek auf: „Dann stürzen sich manche gleich in die gemütlichen Leseecken und fangen an zu schmökern.“ Auf den großen Ohrensesseln finden sich immer zwei zum Schachspielen. Und ganz vorne an dem einzigen Schreibtisch werden auch einmal schulische Dinge durchgesprochen. „Manche kommen hierher, um gemeinsam zu lernen“, sagt Avan. „Hier haben sie mehr Ruhe als in der Mensa.“

Das Angebot an Lesestoff ist jedenfalls verlockend. Nach Altersstufen gestaffelt, mit einigen Regalen für fremdsprachige Literatur und einer Lexikonecke. „Am Anfang durften alle Schüler und Schülerinnen Wünsche äußern“, erinnert sie sich. „Daran haben wir uns schon auch orientiert. Denn wichtig ist erst mal, dass möglichst viele überhaupt die Freude am Lesen entdecken. Manche werden hier richtige Leseratten“, sagt sie. „Sie kommen nach dem Unterricht wieder, wenn sie in der Rahmenbetreuung noch nach drei Uhr hier bleiben, um ihr Buch in Ruhe zu Ende zu lesen.“

Bildnachweis: Fotos: pressmaster/shutterstock

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